Freitag, 21. Dezember 2012

Der moralische Zeigefinger?

Ich sitze gerade an der Verschriftlichung von allem drum und dran von meinem Glaubenszeugnis. Ich muss mich reflektieren. Die Rückmeldebögen der Gemeinde müssen mit einfließen (von 8 Bögen sind 5 zurückgekommen).
Eine Rückmeldung empfand das Ende zu moralisch, zu belehrend. Hmm...
Ich fand die Situation gestern im Bus viel moralisch belehrender: Ein Schulkind (max. 6. Klasse) hat das Geld für den Bus nicht parat. Der Busfahrer ist freundlich und sagt, dass die Eltern am Abend vorbekommen sollen, um zu zahlen. Eine ältere Frau neben dem Mädchen fragt, was denn los sei und leiht ihr das Geld. Tausendfach bedankt sich das Schulkind und beteuert, wie nett die alte Frau doch sei. "Aber nächste Mal hast du's passend.", sagt die Frau mindestens drei Mal. - ich hätte ja nicht so gehandelt.



    Matthäus 18,12-14

    In jener Zeit fragte Jesus seine Jünger:
    12 Was meint ihr?
    Wenn jemand hundert Schafe hat und eines von ihnen sich verirrt,
    lässt er dann nicht die neunundneunzig auf den Bergen zurück
    und sucht das verirrte?
    13 Und wenn er es findet
      amen, ich sage euch:
    er freut sich über dieses eine mehr
    als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben.
    14 So will auch euer himmlischer Vater nicht,
    dass einer von diesen Kleinen verloren geht.

  1. Predigttext
    Liebe Gemeinde,
    „Wenn ein Mann hundert Schafe hat und eins läuft ihm davon, was wird er tun?“
    Handelt es sich hierbei um eine Fangfrage, die Jesus seinen Jüngern stellt?
    Was soll man schon tun, wenn man hundert Schafe hat und eines läuft davon?
    Hundert Schafe: Das ist ein stattlicher Besitz. Wer hundert Schafe hat, der ist nicht gerade arm. Nun läuft eins davon. Aber neunundneunzig Schafe sind doch auch ein stattlicher Besitz. Der Verlust von einem Schaf wird doch wohl nicht so tragisch sein? Oder etwa doch?

    Angenommen wir könnten die Gedanken des Hirten erahnen, was würde er wohl denken?
    Ich könnte mir vorstellen, dass er denken würde:
    Soll ich das eine Schaf suchen gehen und die den Rest im Stich lassen?
    Ich weiß ja gar nicht, wohin es sich verirrt hat.
    Außerdem könnte ich Stunden weg sein.
    Und was passiert dann mit der unbeaufsichtigten Herde?
    Ihr könnte doch auch etwas zustoßen!
    Es könnten beispielsweise Diebe kommen oder Wölfe oder es laufen noch mehr Schafe davon, weil keiner sie beaufsichtigt.
    Ja, dann habe ich letzten Endes noch mehr Schafe verloren.
    Ist dieses eine Schaf die Rettungsaktion wirklich wert?
    Soll ich wirklich dieses Risiko eingehen?
    So oder ähnlich könnten die Gedankengänge des Hirten aussehen.

    Aber wie handelt der Hirte?
    Aus dem Gleichnis wird nicht klar, ob der Hirte sich auf den Weg macht, um das eine verirrte Schaf zu suchen.
    Es wird nur gesagt, dass er sich mehr über das eine gefundene Schaf freuen würde, als über all die anderen Schafe, die sich nicht verirrt haben.
    Hier frage ich mich: Setzt Jesus das Handeln des Hirten als selbstverständlich voraus?!
    Für die Menschen zur Zeit Jesu war dieses Verhalten des Hirten nicht selbstverständlich. Und auch für uns heute scheint es nicht nachvollziehbar zu sein.
    Wie kann man nur eine ganze Herde auf's Spiel setzen für ein Schaf? Würden Sie das tun?
    Was ist also die Botschaft dieses Gleichnisses?
    Das Bild von den Schafen mit dem Hirten ist für die Menschen damals geläufig gewesen.
    Es kommt auch in anderen biblischen Schriften vor.
    Das Bild des Hirten kann für die politischen und religiösen Führer stehen.
    Für die Juden haben diese zur damaligen Zeit versagt.
    Oft wird dann ein Hirte geschildert, der seine Aufgabe verfehlt und sich als schlecht erwiesen hat. Als Kontrast zu dem schlechten Hirten steht der gute Hirte, der seine Schafe gut und gerecht zu führen weiß.
    Ein Symbol für Gott.
    Auch in diesem Gleichnis symbolisiert der Hirte Gott: Er kümmert sich um das verirrte Schaf. Er geht dem EINEN nach. Er sucht das Verirrte. Er kümmert sich um das Kleine, das Geringe, das Arme, das Verachtete.
    Das ist die Botschaft Jesu: Gott selbst geht dem einen Hilflosen nach und führt ihn zurück.
    So tritt aus dem Gleichnis unausgesprochen Jesu Appell zu uns heraus:
    Werdet auch ihr zu diesem guten Hirten. Lasst nicht zu, dass ein Hilfloser in seiner Not alleine bleibt.
    Es ist ein hoher Anspruch, den Jesus uns da stellt.
    Wo sollen wir anfangen? Welchen Hilflosen sollen wir zuerst helfen? Welchem nicht? Wo ist hier die Grenze und wer ist alles dieser Hilfloser?
    Und vor allem: Oft können wir allein die Not auch nicht lindern.
    Oder es gibt schon so viele Hilfswerke.
    Ich denke, Jesus geht es nicht darum, dass wir versuchen alle Probleme in den Griff zu bekommen. Möglichst allen Menschen zu helfen. Vielmehr geht darum, dass wir sensibel dafür werden, wer uns als Hilfloser begegnet und stark gemacht werden muss.
    Es stellt uns die Frage: Wer wird mir zum Nächsten? Welchem einen verlorenen Menschen gehe ich im Namen Gottes nach?

1 Kommentar:

  1. Ich verstehe das Gleichnis so:
    Schafe kennen die Stimme ihres Hirten. Sie bleiben beieinander. Die Gemeindemitglieder, die sowieso sonntags kommen, brauchen den Pastor gar nicht. Der sollte zu den Randgestalten gehen.
    Unser Pastoral ist zu sehr auf Sicherung des Gewonnenen bedacht. Das ist sowieso Gottes Sache. Auch das Finden des Verlorenen ist Gottes Sache.

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